Chronar-Tempel in Darkmoor
Tempel des Chronar in Darkmoor, 60 Meilen östlich von Thenon. Hier soll die Tiara der Vergangenen Seelen dem Priester Jeremiah Born übergeben werden.
Ihr kennt euch erst seit einigen Tagen. Eure Wege haben sich irgendwo auf den Straßen Asgorans gekreuzt, und weil sie alle nach Thenon führten, seid ihr zusammen weitergezogen. Man redet unterwegs, man teilt das Feuer und das Brot, und mit der Zeit weiß man, wer schnarcht und wer zuerst wach ist.
Der Nebelmond zeigt sich von seiner schlechtesten Seite. Seit Tagen fällt ein feiner, kalter Nieselregen, der durch jeden Mantel und jede Naht kriecht, bis ihr ihn in den Knochen spürt. Die Straße ist aufgeweicht, die Stiefel sind schwer vom Schlamm. Dann tauchen links und rechts die ersten Höfe auf, Rauch steigt aus den Kaminen, und am Wegesrand hängt ein verwittertes Schild mit einem Wal darauf. Hinter den Fenstern der Taverne brennt Licht.
Im Pottwal ist es warm. Im Kamin knackt das Feuer, es riecht nach Kohlsuppe, nasser Wolle und verschüttetem Ale, und nach den Tagen im Nieselregen spürt ihr langsam wieder eure Finger. Hinter der Theke trocknet der Wirt Krüge ab. Viel ist nicht los, ein paar Reisende sitzen an den Tischen, einer davon stimmt halbherzig seine Laute.
Dann geht die Tür auf. Mit einem Schwall kalter Luft treten zwei Frauen in Ordensgewändern ein, die Kapuzen tief im Gesicht. Den Regen schütteln sie nicht ab. Sie bleiben kurz stehen, sehen zu den Fenstern, dann zurück zur Tür, durch die sie gekommen sind, und gehen schließlich mit schnellen Schritten zur Theke.
Umgestürzte Stühle, Scherben auf den Dielen, und der Wirt geht schon mit Eimer und Lappen über die Stellen, die niemand genauer ansehen möchte. Draußen rauscht der Regen weiter, als wäre nichts gewesen.
Die beiden Priesterinnen sitzen euch gegenüber am Tisch neben dem Kamin. Die eine hält einen Becher Wein in beiden Händen, ohne zu trinken. Die andere hat ein in Leinen geschlagenes Bündel auf dem Schoß und lässt es keinen Moment los. Eine Weile sagt niemand etwas. Dann beugen sich die beiden zueinander, wechseln ein paar leise Worte, und eine von ihnen wendet sich an euch.
Am nächsten Morgen verlasst ihr Thenon in Richtung Osten. Sechzig Meilen bis Darkmoor, drei Tage zu Fuß, wenn das Wetter mitspielt. Es spielt nicht mit. Der Regen hat nachgelassen, dafür liegt Nebel über den Feldern, und die Straße verliert sich nach wenigen hundert Schritt im Grau.
Die beiden Priesterinnen gehen in eurer Mitte. Sie reden wenig und sehen sich oft um, und das Bündel mit der Tiara wandert keine Stunde lang aus ihren Händen. Jeder Reiter, der euch entgegenkommt, jeder Karren, der hinter euch aufholt, lässt sie kurz verstummen. Nach dem, was im Pottwal geschehen ist, könnt ihr es ihnen nicht verdenken.
Am Abend des ersten Reisetags taucht neben der Straße ein alter Grenzposten auf, noch aus der Zeit der Kriege zwischen Yadosien und Asgoran. Viel ist nicht mehr übrig: eine halb eingefallene Mauer aus grauem Bruchstein, ein Torbogen ohne Tor, ein Wachturm ohne Dach. Moos überzieht die Steine, in den Ecken liegt nasses Laub. Ringsum steht hohes, graues Gras, das niemand je gemäht hat.
Die Mauern halten den Wind ab, und im Hof gibt es trockenen Boden für ein Feuer. Ein guter Platz für die Nacht. Die Priesterinnen knien sich an die Mauer und laden euch ein, mit ihnen die Abendandacht zu halten. Als ihr leises Beten einsetzt, wird es im Hof sehr still. Kein Vogel ist zu hören, und auch der Wind in den Bäumen hat aufgehört.
Am dritten Tag weicht der Wald zurück, und das Land wird flach und braun. Moorwasser steht in den Gräben neben der Straße, und der Wind trägt den Geruch von Torf und Rauch heran. Am Nachmittag seht ihr Darkmoor vor euch liegen: eine Stadt aus dunklem Stein, gedrungen und grau unter dem tiefen Himmel, überragt von einem Glockenturm.
Die Priesterinnen gehen schneller, je näher ihr kommt. Zum ersten Mal seit Thenon lacht eine von ihnen kurz auf, aus Erleichterung, vermutlich. Noch ein paar Meilen, dann ist die Tiara dort, wo sie hingehört.
Nach drei Tagen auf der Straße erreicht ihr Darkmoor. Die Stadt riecht nach Rauch und nassem Stein, und in den Gassen ist es laut. Auf Plätzen und Brunnenrändern stehen Prediger, manche in Lumpen, manche mit flackerndem Blick, und rufen den Vorbeigehenden ihre Botschaften zu. Einer packt einen von euch am Ärmel und lässt nicht los: „Der Sturm der Stiere ist keine Gefahr! Die wahre Gefahr droht in den Schatten! Taurus ist ein Freund der Menschen!“
Die Priesterinnen führen euch ohne Umweg durch die Gassen zum Tempel des Chronar. Hinter dem Portal ist es kühl und still. Ihr habt kaum ein paar Schritte ins Halbdunkel gemacht, da hallt eine scharfe Stimme durch den Raum, und gleich darauf das Klatschen einer Ohrfeige.
Die Verse des Barden gehen euch nicht mehr aus dem Kopf. Im dunklen Wald vor Thenons Mauern, steht dieser Turm in kalter Nacht. Im Pottwal klang das noch wie eine Geschichte, die man sich am Kamin erzählt, um die Gäste zu gruseln. Jetzt nicht mehr.
Als ihr den Waldrand erreicht, ist die Sonne schon untergegangen. Die Bäume stehen dicht und schweigend, und zwischen ihren Stämmen sammelt sich der Nebel. Die Luft ist so kalt, dass euer Atem in kleinen Wolken vor euch steht. Irgendwo dort drin steht der Turm, und dorthin müsst ihr.
Der Wald vor Thenons Mauern ist in dieser Nacht vollkommen schwarz. Nebel hängt zwischen den Stämmen, eure Schritte versinken im nassen Laub. Mehrmals glaubt ihr, zwischen den Bäumen jemanden stehen zu sehen. Wenn ihr genauer hinschaut, ist es nur eine alte Steinfigur, verwittert, die Hände vor das Gesicht geschlagen. Weiter hinten, am Rand dessen, was ihr noch erkennen könnt, gleitet etwas Blasses zwischen den Stämmen hindurch und ist wieder fort.
Dann öffnet sich eine Lichtung, und vor euch steht der Turm, dunkler als der Himmel hinter ihm. Ganz oben brennt in einem einzigen Fenster ein fahles Licht. Am Fuß des Turms stecken Fackeln im Boden. Vor dem Eingang steht ein Wagen, und Gestalten in Kapuzenmänteln tragen Kisten und Bündel hinein. Niemand spricht. Von drinnen klingt leiser Gesang, immer dieselbe Zeile, immer wieder.
Tempel des Chronar in Darkmoor, 60 Meilen östlich von Thenon. Hier soll die Tiara der Vergangenen Seelen dem Priester Jeremiah Born übergeben werden.
Taverne am Wegesrand kurz vor Thenon, gleich hinter den ersten Höfen. Der Wirt heißt Caden Butler. Über der Tür hängt ein verwittertes Schild mit einem Wal.
So lasset mich berichten nun
von Ortan's grausig dunklen Tun!
Der einst ein Priester ward gewesen,
Und auch ein echtes Lebewesen.
Doch dieser fand verbot'ne Lehr
im Dunkel dieses alten Kellers
des Schlosses Stormwinds altem Wehr
am Ende des nun alten Sommers.
Ein Dämon offenbarte sich
ihm dort in dem Gemäuer,
sprach "Willst du dies, befreie mich",
es ward ihm nicht geheuer.
Trotz alledem schlug Ortan ein,
liess sich von ihm berichten,
wie dunkle Schatten ziehen ein
in diese Welt der Lichten.
Die Schatten, sprach der Dämon laut,
sie werden euch vertreiben,
bis einer ein Portal nun baut,
sich alle einverleiben.
Trittst du den Schattenpakt nun an,
und bringst sie in den Norden,
sie werden dich verschonen dann,
dich nicht auch mit ermorden.
Ortan ging den Handel ein,
stahl heilige Objekte,
und gab sie in den Zauber rein,
der das Portal erweckte.
Im dunklen Wald vor Thenons Mauern,
steht dieser Turm in kalter Nacht,
und werden wir es noch bedauern,
was Ortans handeln für uns macht.